Vierter Advent: von Ohnmacht und Macht

Batseba, die Frau des Uria, wird als vierte Frau im Stammbaum Jesu genannt

Dies ist das Buch der Geschichte Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abraham.
Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serach mit der Tamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nachschon. Nachschon zeugte Salmon. Salmon zeugte Boas mit der Rahab. Boas zeugte Obed mit der Rut. Obed zeugte Isai. Isai zeugte den König David.
David zeugte Salomo mit der Frau des Uria.

Matthäus 1, 1-6
Batseba wäscht sich im Garten und wird dabei von König David vom Dach aus beobachtet.

Wer war Batseba?

Es ist nicht viel, dass man im 2. Buch Samuel im elften Kapitel über Batseba erfährt. Sie ist verheiratet mit Uria aus dem Volk der Hethiter. Uria ist einer der besten Kämpfer im Heer des Königs David und gerade mal wieder auf Feldzug. Batseba ist eine sehr schöne Frau. An einem Abend wäscht sie sich draußen im Garten und genießt das Luftbad und die Reinigung. Doch dabei wird sie beobachtet – von König David, der den Abend von Unruhe geplagt auf dem Dach des Palastes verbringt. Batseba ist nicht die erste Frau, die von David begehrt wird. Er lässt nach ihr schicken, schläft mit ihr und schickt sie dann wieder nach Hause. Und wie sollte es anders sein – kurze Zeit später ist Batseba schwanger mit Davids Sohn.

da sah er vom Dach aus eine Frau sich waschen; und die Frau war von schöner Gestalt. Und David sandte hin und ließ nach der Frau fragen und sagte: Ist das nicht Batseba, die Tochter Eliams, die Frau Urias, des Hethiters? Und David sandte Boten hin und ließ sie holen. Und als sie zu ihm kam, schlief er bei ihr; sie aber hatte sich gerade gereinigt von ihrer Unreinheit. Und sie kehrte in ihr Haus zurück. Und die Frau wird schwanger und sandte hin und ließ David sagen: Ich bin schwanger geworden.“

2. Samuel 11, 2b-5


Dieser Satz – übrigens der einzige Satz, der Batseba im 2. Buch Samuel in den Mund gelegt wird – ist Anfang und Anlass für eine machtvolle Handlungskette, die David dann mit List und Tücke einfädelt. Eine Bestsellergeschichte wie sie im Buche steht. „Sex and Crime“ auf hohem Niveau am Königshofe. König David versucht dem Uria das von ihm gezeugte Kind unterzujubeln, um seine eigene Ehre zu retten – aber erfolglos. Dann bleibt ihm nur noch, Uria in den Tod zu schicken. Als Vorderster im nächsten Feldzug – da bleibt keine Chance aufs Überleben. Batseba ist nun eine trauernde Witwe. Nach der Totenklage nimmt David sie als achte Frau zu sich ins Haus. Und das Kind wird später als sein Sohn geboren werden. Zwischenzeitlich hält Nathan ihm sein sündhaftes Verhalten vor Augen, Gott greift ein und das Kind stirbt sieben Tage nach der Geburt. So verliert Batseba innerhalb eines Jahres ihren Ehemann und ihren ersten Sohn. Aber David „tröstet“ sie und zeugt bald mit ihr den zweiten Sohn. Sie nennen ihn Salomo.

Und als David seine Frau Batseba getröstet hatte, ging er zu ihr hinein und schlief bei ihr. Und sie gebar einen Sohn, den nannte er Salomo. Und der Herr liebte ihn. Und er tat ihn unter die Hand des Propheten Nathan; der nannte ihn Jedidja um des Herrn willen.

2. Samuel 11, 24-25
Ein Blick von oben

Von Batseba liest man dann erst wieder im 1. Buch der Könige. König David ist inzwischen alt geworden, gebrechlich und die Tage seines Lebens sind gezählt. Seine zahlreichen Söhne ereifern sich in der Nachfolge und Adonija erklärt sich zum König. Der Prophet Nathan, mittlerweile enger Vertrauter von Batseba, informiert sie darüber und zeigt ihr Möglichkeiten auf, ihre und Salomos Existenz zu sichern. Batseba spricht bei David vor und erinnert ihn an den Schwur, dass ihr Sohn Salomo nach ihm auf seinem Thron sitzen solle. Und genau das ruft König David dann aus.

Der König David antwortete und sprach: Ruft mir Batseba! Und sie kam hinein vor den König. Und als sie vor dem König stand, schwor der König und sprach: So wahr der HERR lebt, der mich erlöst hat aus aller Not: Ich will heute tun, wie ich dir geschworen habe bei dem HERRN, dem Gott Israels, als ich sagte: Salomo, dein Sohn, soll nach mir König sein, und er soll für mich auf meinem Thron sitzen. Da neigte sich Batseba mit ihrem Antlitz zur Erde und fiel vor dem König nieder und sprach: Mein Herr, der König David, lebe ewiglich!

1. Könige 1, 28-31

Gedanken mit Batseba zum vierten Advent

Gar nicht so einfach – mit dieser Geschichte einen Bogen zum Advent zu schlagen. Aber Batseba ist nun mal eine der vier Stammmütter Jesu und gehört sozusagen zum Vorspann der Weihnachtsgeschichte. Batseba hat in einer Zeit gelebt, in der Frauen ihre Bedeutung zuallererst über die Männer bekamen. Sie waren für die Geschichtsschreibung interessant, weil sie die Töchter ihrer Väter und die Frauen ihrer Männer waren. Und die Frauen mussten den Willen ihrer Väter und später ihrer Männer erfüllen.
Auch wenn Batseba manchmal als die Verführerin dargestellt wird, so ist es doch wahrscheinlich eher ganz anders. Es ist David, der die Frau will, der handelt und agiert. Sie hat zu tun, was man von ihr erwartet. Sie wird nicht behandelt wie eine Frau, die man umwirbt, die man liebt, sondern vielmehr wie ein Objekt, das man besitzen will und über das man verfügen kann.

In dieser Ohnmacht entwickelt Batseba eine Macht, die sich dem Verhalten und Tun Davids entgegenstellt. Vielleicht ist sie gestärkt durch die Widerstandskraft Gottes, der auf der Seite der Ohnmächtigen steht. Batseba wandelt sich. Sie findet zunehmend mehr innere Würde und Freiheit, sie wächst und es wird ihr möglich, aus ihrer Opferrolle zu entsteigen und zu kämpfen. Sie kämpf vor allem für ihren Sohn Salomo. Und der begegnet seiner Mutter mit großer Achtung und Wertschätzung.

Batseba ist eine starke Frau mit großer Widerstandskraft, die nicht in der Ohnmacht verweilt. Sie sucht die wenigen Möglichkeiten, die sich ihr bieten, um die Umstände zu verändern. Sie verliert trotz all des Leides ihre Würde nicht und ihre Tatkraft nicht – so kann sie die Ohnmacht überleben.

Am Ende ist Batseba die Siegerin. Sie kann zwar dem damaligen Denken und der damaligen Gesellschaftsstruktur nicht entkommen und ihre Identität bezieht sie immer noch aus der Rolle eines Mannes – nämlich ihres Sohnes Salomo. Aber sie wird geachtet und wertgeschätzt und lebt in dem Maße in Freiheit, wie es ihr möglich war.

Würde, Selbstwert und innere Freiheit – das brauchen wir, um wahre Begegnungen zu erfahren, erleben und aushalten zu können. Und das ist Advent – Vorbereitung auf die Begegnung mit dem Gottessohn und Menschensohn.